8. April 2008

Interview mit Moritz Bleibtreu zum Film CHIKO

geschrieben in Interviews |

Lest das Interview mit Moritz Bleibtreu zu seinem neuen Film Chiko, wie er an die Rolle gekommen ist, über seinen Kollegen Denis Moschitto und vieles mehr…

CHIKO wird ab dem 17. April 2008 im Kino zu sehen sein.

Wie sind Sie an die Rolle des Brownie in CHIKO gekommen?
Ich habe von dem Film schon sehr früh etwas mitbekommen, weil ich mittlerweile über die
ganzen Jahre hinweg mit Fatih doch sehr befreundet bin. Es steckte also zunächst einmal
der familiäre Gedanke dahinter, dass man unbedingt wieder einmal etwas zusammen
machen wollte. Das hat sich dann so ergeben, und ich freue mich sehr, dass ich dabei sein
durfte und dass daraus ein ziemlich geiler Film geworden ist.

Ihre Figur ist ja auch insofern interessant, dass sie sich durch eine gewisse Ambivalenz
auszeichnet.

Uns war unheimlich wichtig, dass wir diese typischen Klischees einer Gangsterfigur
vermeiden, die Goldketten tragend und mit offenem Hemd durch die Gegend rennt und
Leute umhaut. Stattdessen wollten wir eine Figur erschaffen, die ein ganz normales Leben
lebt, gleichzeitig aber auch Geschäfte macht, die sich außerhalb der Moral bewegen. Also
dieser Brownie ist ja in dem Sinne kein Arsch, sondern einfach jemand, der eine gewisse
Arbeit erledigt. Wenn man sich auf ihn einlässt, dann lässt man sich auch auf eine bestimmte
Art und Weise ein, sein Leben zu führen, und das kann unter Umständen sehr, sehr schief
gehen, wie man in diesem Film sieht.

Es ist schon erstaunlich, dass hinter CHIKO ein Regiedebütant steht.
Özgür Yildirim ist ein ganz, ganz Feiner. Das konnte man schon beim Drehbuch absehen,
denn er besitzt ein unheimliches Gespür für Dramaturgie, fürs Geschichtenerzählen. Es
macht absolut Sinn, dass sich Fatih CHIKO rausgesucht hat. Das passt einfach super zu
corazón. Als ich die beiden das erste Mal zusammen erlebt habe, hat Özgür mich in vielerlei
Dingen an Fatih in jungen Jahren erinnert. Er hat zwar eine ganz andere Art von Energie,
aber er weiß genau, was er will. Und auch die Ruhe und Gelassenheit, die er am Filmset
ausgestrahlt hat, hat mich an Fatih erinnert. Es gibt ja Produktionen, wo alles
zusammenpasst, und das war hier der Fall.

Die Titelrolle des CHIKO spielt Denis Moschitto.
Ich weiß, dass Denis wie ein Wahnsinniger trainiert hat, und das sieht man ja auch in dem
Film. Er ist wirklich extrem bepackt. Wichtig ist natürlich das Lokalkolorit, CHIKO ist irgendwo
auch ein Hamburg-Film, und ich glaube, Denis hatte ein bisschen Respekt vor der Mundart,
denn er ist nun mal Kölner und kein Hamburger. Aber er hat sich genauso erfolgreich in die
Sprache hineingehört wie er trainiert hat. Da ist ja wirklich was passiert, wahrscheinlich sind
einige Proteingetränke die Kehle hinuntergeflossen, plus ein paar Stunden im Fitnessstudio.
Der Chiko ist natürlich auch für einen „jungen“ Schauspieler – denn so viel jünger als ich ist
er ja gar nicht – ein absolutes Traumteil. Das sind die Rollen, die man als junger
Schauspieler angeboten bekommen will, und ich finde, das hat Denis super gemacht.

CHIKO sticht insbesondere durch seine explizite Darstellung von Gewalt ins Auge.
Natürlich geht es nicht darum, dass man Gewalt in irgendeiner Art und Weise in den
Vordergrund stellt, glorifiziert oder am besten noch ausverkauft. Es ist aber nun mal so, dass
Filme, die im klassischen Sinne Gangsterfilme sind, nicht ohne Gewalt auskommen. Sonst
kann man der Realität auch nicht gerecht werden. Ich bin mir sicher, dass Özgür und Fatih
den Vergleich scheuen werden, aber Zusammenhänge zwischen Kurz und schmerzlos und
CHIKO sind nicht zu übersehen. Gewalt hat es schon immer gegeben, nur spitzt sie sich
extrem zu. Während bei Kurz und schmerzlos Waffen eher hintergründig vorkommen und
mehr oder weniger zufällig, ist das bei CHIKO ein richtiges Thema. Und wenn man sich
einmal so umsieht, was junge Leute momentan in einschlägigen Gegenden machen, dann
hat sich hier einiges getan. Da ist eine riesengroße Verrohung in Bezug auf Gewalt auf dem
Vormarsch.

Das Konzept von CHIKO lautete: knallhart, realistisch und authentisch. Konnten Sie damit
etwas anfangen?

Bei diesem Film war es wichtig, dass man nicht zurückzuckt. Wenn man sagt, dass man
einen Film über die Jungs von der Straße macht, dann muss es auch ein Film für die Jungs
von der Straße sein. Und das ist er auch geworden. Also Leute, die man als solches
bezeichnen könnte, haben gesagt, dass es das Ganze sehr gut trifft. Natürlich muss man -
wie zum Beispiel bei der Szene mit dem Nagel – zu drastischen Mitteln greifen. Es hätte nicht
funktioniert, wenn Brownie Tibet nur zusammengeschlagen hätte. Dazu brauchte es ein Bild,
welches das Nichtreagieren von Chiko erst gar nicht zulässt. Auf so eine Aktion wie sie
Brownie durchführt muss man als Freund einfach reagieren. Ich glaube, Özgür ist einige
Szenarien durchgegangen, was Brownie Tibet antun soll, und am Ende ist er auf diesen
Nagel gekommen. Beim Lesen habe ich auch erst einmal gedacht: Oh Gott! Aber ich finde,
das muss sein, weil der Film sonst in diesem Moment den Absprung nicht schafft.

Mit Ihrem türkischen Dialekt als Abdul in Knockin´ On Heaven´s Door sind Sie vor zwölf
Jahren berühmt geworden. Jetzt aber spielen Sie einen deutschen Gangster.

Die Figur lässt das ein bisschen offen. Man weiß nicht so genau, wo Brownie herkommt. Ich
selbst habe nun auch ein Gesicht, aus dem nicht eindeutig zu erkennen ist, wo ich
herkomme. Aber für mich ist das ein deutscher Junge. Ich habe mich ganz nah an dem
bewegt, was mir hier in Hamburg so auf der Straße ab und zu entgegengeschlagen ist. Und
ich bin nun auch in einer Gegend groß geworden, die mal ziemlich fies war. Das hat sich
schwer geändert. St. Georg ist sicher nicht mehr das, was es in den frühen achtziger Jahren
einmal war. Generell wollten wir in CHIKO genau das, was der Zuschauer erwartet, wieder
brechen. Deshalb hat Brownie auch eine Frau, lebt in einem ganz normalen netten Haus,
produziert Musik und macht eben das, was man nicht erwarten würde. Und unser Film hat es
wirklich gut geschafft, diese Klischees, in die man bei so einer Genre-Arbeit leicht tappen
kann, zu umschiffen.

Özgür Yildirim macht keinen Hehl daraus, dass er ein Bewunderer von Martin Scorsese ist.
Scorsese war ja auch derjenige, der dieses Genre – ich will nicht sagen – erfunden, aber zu
dem gemacht hat, was es jetzt ist, und woran man sich noch heute hauptsächlich orientiert.
Deswegen drängen sich solche Vergleiche natürlich auf. Aber darüber hinaus hat es Özgür
geschafft, eine eigene Bildsprache zu entwickeln. Und das ist für einen jungen Regisseur,
der gerade seinen ersten Film macht, wirklich beeindruckend. Özgür hatte von Anfang an ein
ganz klares visuelles Konzept, was einfach unheimlich geil funktioniert, was sich auch nicht
nur auf den Look stützt, sondern auch etwas über diese Szene erzählt. Das hat er wirklich
auf eine ganz, ganz tolle Art und Weise gelöst.

Im Laufe der Jahre haben Sie sich einen klangvollen Namen erarbeitet. Sind Sie sich dessen
bewusst, dass Sie dadurch nun „kleineren“ Produktionen zu entsprechend mehr
Aufmerksamkeit verhelfen können?

Darüber versuche ich so wenig wie möglich nachzudenken. Denn in dem Moment, in dem
ich an einem Filmset stehe, bin ich zunächst einmal Schauspieler, der sich in einem Team
entwickelt und seinen Teil so gut macht wie er eben kann. Aber mir ist natürlich bewusst,
dass ich in einer Situation bin, in der man über die Sachen, die ich mache, redet. Dass das
für einen jungen Regisseur oder ein „kleineres“ Projekt eine Hilfe sein kann, ist ein
riesengroßer Luxus. Und damit gilt es verantwortungsbewusst umzugehen. Denn derartige
Möglichkeiten sind auch sehr schnell wieder verspielt. Wenn ich mich für einen Film
entscheide, dann ist es mir egal, ob das ein „Erstlingsfilm“ ist oder eine riesengroße
Produktion. In diesem Moment ist ein Film ein Film. Aber ich möchte natürlich auch, dass die
Filme, die ich mache, gesehen werden, und wenn ich einem Film wie CHIKO damit helfen
kann, indem ich mit dabei bin, dann tue ich das rasend gern.

Vielen Dank an die Falcom Media Group für die Erlaubnis, das Interview auf www.moritz-bleibtreu.net veröffentlichen zu dürfen.

Dieser Eintrag wurde erstellt am Dienstag, 8. April, 2008 um 16:39 und ist veröffentlicht in der Kategorie Interviews. Du kannst die Antworten zu diesem Beitrag in dem RSS 2.0 feed verfolgen. Du kannst eine Nachricht hinterlassen, oder den Eintrag zurückverfolgen.

Es gibt zurzeit 2 Kommentare zu “Interview mit Moritz Bleibtreu zum Film CHIKO”

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  1. 1 K sagte am 18. April, 2008:

    Ich begehre dich…

  2. 2 Nicola sagte am 1. Mai, 2008:

    Ich habe den Film Chiko gestern im Kino gesehen und fand ihn sehr gut. Absolut nicht überzogen, aber auch nichts weggelassen. Die Szenen waren teilweise so krass wie die Realität in Stadtteilen wie Billstedt, Mümmelmannsberg oder Altona nun mal aussieht. Abschließend gesagt, 100 % empfehlenswert und Hut ab vor jedem einzelnen Beteiligten an diesem Film! Man kann mit einem Film zum Nachdenken und ohne Happy End eben auch gewinnen!

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